Tanzschulen und Tänzer fordern Corona-Lockerungen

Tanzschule
© Robert Michael (dpa)

«Das reinste Chaos»

Frankfurt/Berlin (dpa) - Tanzschulen, Hobby- und Profitänzer fordern einheitliche Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen.

«Durch den jetzt entstandenen "Lockerungswettbewerb der Länder" herrscht gerade flächendeckend das reinste Chaos auf dem Weg in den Wiedereinstieg des Tanzsports», erklärte Gaby Michel vom Deutschen Tanzsportverband (DTV). Während in Nordrhein-Westfalen und Sachsen Tanzschulen wieder öffnen dürfen, sind in anderen Bundesländern wie Bayern sogenannte Indoor-Kontaktsportarten nach wie vor tabu. Unter den Beschränkungen im Zuge der Coronavirus-Pandemie leidet eine ganze Branche.

Mehr als 3000 Arbeitsplätze und über 800 Betriebe seien schon jetzt «in Gefahr und in Existenznöten», heißt es in einem Brief des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrer-Verbands (ADTV) an Kanzlerin Angela Merkel (CDU), der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. «Da in der Öffentlichkeit Tanzen oft als verzichtbares Freizeitvergnügen abgetan wird, erlaube ich mir an diesem Bild eine Korrektur», schreibt ADTV-Präsident Jürgen Ball. Tanzschulen seien systemrelevant. Das begründet er etwa mit ihrer Funktion als kulturelle Bildungsstätte, aber auch mit der dort betriebenen Gesundheitsprophylaxe zum Beispiel beim Kindertanzen gegen Fettleibigkeit oder Tanzen mit Demenzkranken.

Tanzlehrer hätten seit Beginn des Lockdowns zahllose Online-Angebote entwickelt, so der ADTV, der das klassische Welttanzprogramm unterrichtet. «Aber das ist natürlich nur ein Hilfsangebot, das unsere Kundschaft auf die Dauer nicht halten wird.»

Der DTV, der Turniertänzer vertritt, verweist auch auf die Situation der Sportler: «Es ist einem Tanzpaar, das auch privat Tisch und Bett teilt, nicht plausibel zu erklären, warum es a) gar nicht tanzen darf, weil die Trainingsstätten nicht betreten werden dürfen und b) mit zwei Meter Abstand und Mundschutz trainieren soll, obwohl man doch in häuslicher Gemeinschaft lebt», so Sprecherin Michel.

Sie verweist auf die am Freitag endende Staffel der RTL-Show «Let's Dance», bei der ein Großteil der Profitänzer aus dem DTV kommt: In einer Folge wurde die Tanzfläche für einen Wettbewerb mit Bändern aufgeteilt, damit sich die Paare nicht in die Quere kommen. «Das ist nur eine von vielen Ideen, die derzeit die Konzepterstellung von Tanzschulen und Vereinen für Tanzen nach Corona beherrscht», so Michel. Doch der Vorschlag sei für stationäre Tänze sicherlich gut umsetzbar, funktioniere aber nicht bei raumgreifenden Bewegungen.

Um trotzdem ein wenig tanzen zu können und anderen isolierten Menschen ein wenig Freude zu bereiten, hätten einige Seniorenpaare mit Sondergenehmigung der Länder Nordrhein-Westfalen und Brandenburg im Turnieroutfit auf Parkplätzen vor Senioren- und Pflegeheimen getanzt. Andere trainierten in einer Tiefgarage, um sich fit zu halten, schilderte Michel. Im Hinblick auf die Gesundheit sei das ein Unding, «leider aber gerade traurige Realität».

Unter dem Hashtag #dontstopdancing finden sich im Internet zudem Videos, die etwa von Tanzrunden im heimischen Wohnzimmer oder Garten zeugen. Manche nehmen die Corona-Krise auch mit Humor: So nutzten die Standardtänzer Alexandru Ionel und Patricija Belousova vom Bielefelder TC Metropol die Hamsterkäufe von Toilettenpapier und sorgten mit diversen Rollen für die korrekte Arm- und Kopfhaltung.

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